INTERVIEW MIT PROFESSOR KALMÁR

EIN FORSCHER AUS KLINISCHER NOTWENDIGKEIT

Professor Peter Kalmár ist ein Pionier auf dem Gebiet der Händedesinfektion. 1965 machte der damalige Assistenzarzt in der Chirurgie am Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf eine Beobachtung bei der Visite – und forschte nach. Dies führte zu der Entwicklung von Sterillium®, einem Mittel zur wirksamen, sicheren und schnellen Bekämpfung von Keimen.

Wie wurde die chirurgische Händedesinfektion gehandhabt, als Sie Ihre Stelle als Assistenzarzt antraten?

Ganz klassisch unter fließendem Wasser mit Seife und Bürste schrubbten wir die Hände und Unterarme vor operativen Eingriffen. Danach floss noch 96-prozentiger Alkohol über die Haut, die wir mit sterilen Tüchern abtrockneten. Eine effektive Methode, die, im Nachhinein betrachtet, nicht optimal war.

Warum?

Bei vielen Chirurgen wurde die stark entfettete Haut durch die Waschungen teils spröde und rissig. Viele Ärzte litten unter Handekzemen und chronischen Entzündungen. Einmalhandschuhe gab es noch nicht.

Wann wurde Ihnen bewusst, dass sich am Status quo etwas ändern musste? Gibt es ein Schlüsselerlebnis?

Das hatte ich 1964. In der Herzchirurgie sind nach erfolgreicher Operation drei Patienten elendig an Infektionen gestorben. Ihre Namen weiß ich heute noch. Mein damaliger Chef und ich waren verzweifelt, weil wir sie nicht retten konnten. Die Untersuchungen ergaben, dass die gefundenen Erreger von außen in die Wunde gelangt waren. Unser Ziel war es, die Umgebung keimarm zu halten. Wir nahmen Kontakt zu Desinfektionsspezialist Dr. Bode & Co. auf und setzten uns mit dem Chemiker Rolf Steinhagen zusammen. Er wies uns in die Methodik der Desinfektion ein. Von Obstbauern besorgten wir uns Kanister zum Umschnallen und versprühten im OP formalinhaltiges Bacillol Spray auf Wänden und Böden – mit Gasmasken. Dadurch konnten wir die Infektionshäufigkeit etwas senken.

Und wann kamen Sie auf das Thema Händedesinfektion?

Das war bei der Chefvisite, Mittwoch, 7 Uhr. Die Zimmer waren klein, nur die wichtigsten Ärzte gingen hinein, ich stand mit den anderen vor der Tür. Davor stand eine Waschschüssel mit einer verdünnten Desinfektionslösung, in die alle Ärzte ihre Hände tauchten. Die Flüssigkeit erschien mir verdächtig. Nach der Visite nahm ich eine Probe und schickte sie zum Bakteriologen. Einen Tag später hatte ich den Beweis, dass das Zeug nicht wirkte. Die Lösung wimmelte vor Keimen. Plötzlich schwebte mir eine hautfreundliche Desinfektion mit Einreiben des Wirkstoffs ohne Waschung vor.
PROF. PETER KALMÁR
„ES IST EINE FORMULIERUNG, DIE HAUTSCHONEND WIRKT, UND DIE BEI LÄNGEREN OPERATIONEN AUCH NACH DREI BIS VIER STUNDEN NOCH WIRKSAM IST. STERILLIUM®, DAS ERSTE HÄNDEDESINFEKTIONSMITTEL ZUM EINREIBEN WAR GEBOREN.“

Wie setzten Sie Ihre Idee um?

Mein Chef unterstützte mich und kurz darauf saß ich mit Rolf Steinhagen von Dr. Bode & Co. zusammen, wir betrieben Literaturrecherche und probierten viel aus. Nach mehreren Untersuchungen ermittelten wir das bis heute unveränderte Rezept, das zum einen für die Haut verträglich ist und zum anderen auch bei drei-bis vierstündigen Operationen wirkt. Sterillium, das erste Händedesinfektionsmittel zum Einreiben, war geboren.

Was war die größte Herausforderung bei der Entwicklung?

Wir mussten sicherstellen, dass das Produkt bis in die tieferen Hornschichten gelangt, damit residente Keime, die in der Hornhaut sitzen, nicht an die Oberfläche dringen können. Das klappte mit unserer Formulierung und drei bis fünf Minuten Einwirkzeit. Nach bakteriologischen Tests wurde das Präparat 1965 für die Praxis zugelassen.

Haben Sie einen ausgeprägten Forscherdrang?

Ich gehe den Dingen gern auf den Grund. Zum Beweis, dass eine Vorwaschung nicht erforderlich ist, machte ich Tests mit Studenten – mit überzeugendem Ergebnis. 20 Jahre führte ich Infektionsbögen bei allen Patienten, um die Infektionshäufigkeit zu dokumentieren und daraus Schlüsse zu ziehen.

Haben Sie ein Beispiel?

Wir richteten eine Schleuse zwischen Umkleide und Operationssaal ein. Die Tür öffnete sich nur, nachdem der Spender mit der Händedesinfektion betätigt wurde.

Wie veränderte Sterillium den Klinikalltag und die nosokomialen Infektionen?

Mit über 10 Prozent war die Infektionsrate Mitte der 60er Jahre relativ hoch, heute liegt sie deutlich niedriger: um 2 bis 3 Prozent. Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass das Klinikpersonal verstärkt geschult wird in Sachen Hygiene. Seit 1965 hängen auf den Gängen und in den Waschräumen Spender, die natürlich auch benutzt werden müssen.
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